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ACOMPANIA – Casemanagement und App-unterstützte Beratung für HIV- und HCV-positive Menschen aus Mitgliedstaaten der Europäischen Union

Projektleiter: Ute Hiller
Berliner Aids-Hilfe e.V.

UNAIDS hat mehrere Sofortziele festgelegt, die es bis zum Jahr 2020 zu erreichen gilt. Zu diesen gehören u.a. die „90-90-90“-Ziele: 90 Prozent aller HIV-Infizierten sollten ihren Status kennen, 90 Prozent aller Diagnostizierten sollten Zugang zu Behandlung haben, und bei 90 Prozent der Behandelten sollte kein Virus mehr nachweisbar sein.

Bestimmte, in Bezug auf HIV und Hepatitis C als besonders vulnerabel einzustufende Bevölkerungsgruppen, werden durch Maßnahmen zur Erreichung dieses Ziels in Berlin derzeit nur unzureichend erreicht, infizieren sich signifikant häufiger mit HIV oder HCV und werden signifikant häufiger als Vergleichsgruppen erst spät als sog. Late Presenter mit HIV diagnostiziert. Zu diesen besonders vulnerablen Gruppen gehören

  • schwule und andere Männer, die mit Männern Sex haben, die ihr Herkunftsland aufgrund von Diskriminierung und Ausgrenzung verlassen – teilweise mit Gewalterfahrungen
  • Transfrauen - oft aus Rumänien und Bulgarien, die als Prostituiere arbeiten
  • Frauen und Männer z.B. aus Spanien und Griechenland, die früher schon in Deutschland gearbeitet hatten, dann zurückgegangen sind und nun aufgrund von Perspektivlosigkeit wieder nach Deutschland ziehen und mit den inzwischen veränderten gesetzlichen Bedingungen konfrontiert sind
  • EU-Bürger/innen in Berlin, die neben HIV und/oder HCV von psychischen Erkrankungen betroffen sind
  • Kulturschaffende, die sich von der Metropolenszene angezogen fühlen und insbesondere am komplexen System des Zugangs in die Künstlersozialkasse scheitern
  • jugendliche Stricher, zumeist aus Rumänien, die zunächst monatsweise zwischen Berlin und Rumänien pendeln und irgendwann hier vor Ort bleiben, oft in desolaten Wohnsituationen
  • Menschen, die intravenös Drogen nutzen oder /und Männer, die in Verbindung mit Sexpartys Crystal Meth spritzen (Slamming).

Die Kontakt- und Beratungsstelle der Berliner Aids-Hilfe (BAH) bietet an 5 Wochentagen Beratungen zu sozialrechtlichen, arbeitsrechtlichen, medizinischen und psychosozialen Fragen an.

Eine anonyme telefonische Beratung in Deutsch und Englisch, ist täglich zehn Stunden besetzt. Die persönlichen Beratungen können mit einem multidisziplinären Team in derzeit 12 Sprachen durchgeführt werden. Ergänzend steht ein Gemeinde-Dolmetscherdienst bereit.

Seit inzwischen sieben Jahren wird in der Aids-Hilfe der anonyme Antikörpersuchtest auf HIV als Schnell- und Laborttest angeboten, inzwischen testen wir auch Hepatitis C (HCV) und Syphilis. Das Testangebot findet an zwei Tagen statt, an drei weiteren Tagen werden die Tests durch kooperierende Partnerprojekte im Rahmen der „Berliner Testkampage“ angeboten. Für Menschen mit HIV stehen in der Berliner Aids-Hilfe täglich Gruppenangebote zur Verfügung.

Die Berliner Aids-Hilfe ist im Rahmen des sog. Schöneberger Modells eng mit ärztlichen Einrichtungen und anderen Sozialträgern in Berlin vernetzt. Neben der Beratungsstelle in Schöneberg wird aufsuchende Beratung in den Justizvollzugsanstalten, im Krankenhaus und bei Bedarf an weiteren Orten / zuhause umgesetzt. Im Haus sind umfassende Ehrenamts- und Partizipationsstrukturen etabliert. Derzeit engagieren sich über 220 Ehrenamtliche für die BAH.

Durch eine optimierte Nutzung dieser vorhandenen Strukturen in Berlin, unter anderem durch die Entwicklung und den Einsatz Smartphone basierter Internettechnologie sollen die genannten Zielgruppen in die Lage versetzt werden, von bestehenden Angeboten zeitnah zu profitieren.

Die BAH versucht, HIV- und HCV-positive Menschen frühzeitig zu erreichen, bevor schwere Begleiterkrankungen der Infektion auftreten. Ziel ist eine signifikante Reduktion später HIV-Diagnosen und eine Reduktion von HIV-Neuinfektionen in den beschriebenen Gruppen im Sinne des 90-90-90-Claims der Weltgesundheitsorganisation. In diesem Kontext haben wir in den letzten fünf Jahren die Beratungssprachen ergänzt und unser Angebotsportfolio in Richtung der beschriebenen Zielgruppen deutlich erweitert. Aus der Gruppe der EU-Bürger/innen verzeichnen wir entsprechend eine stark steigende Anzahl von Anfragen der Menschenmit nur geringen Deutsch- und Englischkenntnissen, insbesondere aus Bulgarien, Rumänien, Slowakei, Kroatien, Polen, Tschechien, Slowenien, Ungarn und Lettland.

Wir wollen diese Kapazitäten um weitere Sprachen (insb. Spanisch, Griechisch und Italienisch) erweitern, Casemanagement neu etablieren und erstmals eine direkte Online-Kommunikation mit den Nutzenden über eine gesicherte Smartphone-App in unser Beratungsangebot integrieren.

Acompaniament ist das rumänische Wort für „Begleitung“. In vielen EU- Sprachen ist dieser Begriff ähnlich, so dass der Name sich aus verschiedenen Sprachen heraus erschließt. Beispielhaft sei hier dänisch (akkompagnement), polnisch (akompaniament) und spanisch (acompañamiento ) erwähnt. Der Kompagnon ist der freundlich assoziierte Brückenbauer für die erste Zeit des Ankommens in einem fremden System. Er hilft Hürden zu überwinden.

Die BAH agiert als lokaler Akteur: Handlungsbedarfe bestehen bei Fragen des Zugangs zur Krankenversicherung, Anbahnung notweniger Behandlungen, dem Zugang zu medikamentöser Therapie, Vermittlung eines Arbeitsverhältnisses, oft bei zunächst unterstützenden Arbeitgebern aus dem Netzwerk z.B. in Hotels und in der Gastronomie. Stabilisierung durch Klärung der Wohnsituation, der weiteren sozialrechtlichen Probleme.

Durch ein trägerübergreifendes Casemanagement soll insbesondere die Integration der Nutzer/innen in die bestehenden Beratungs- und Hilfestrukturen nachhaltig umgesetzt werden und durch ein Monitoring auch begleitend überprüft werden (u.a. auch auf Zielgruppenerreichung und Gendergerechtigkeit).

Die Laufzeit des Projekts beträgt 12 Monate. Geplanter Start ist Januar 2016. Das Projekt endet mit Ende Dezember 2016. Eine Verschiebung ist möglich.

Ziel ist die Implementierung in bestehende Arbeitsstrukturen und Gewinnung weiterer Förderer für zusätzliche Casemanagement-Angebote.

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